Julius von Jan

Gedenkort für Julius von Jan

Einweihung Gedenkort im Kirchgarten 20.10.2019

“Oh Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ So hatte vor 81 Jahren die Bußtagspredigt von Julius von Jan in der Oberlenninger St. Martinskirche begonnen. Der Pfarrer war einer der wenigen in der Evangelischen Kirche in Deutschland, die während des Nationalsozialismus den Mut gehabt hatten, die Greueltaten der Nazis öffentlich anzuprangern.

Am Sonntag wurde im Kirchgarten ein Gedenkort eröffnet. Der Grabstein des 1964 in Korntal verstorbenen Pfarrers, eine Gedenktafel und der an einer Mauer angebrachte Schriftzug „Oh Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“, erinnern an Julius von Jan. Eine Bank lädt Besucher zum Innehalten ein. Mit dem Gedenkort würdigen die Evangelische Julius-von-Jan-Kirchengemeinde Lenningen und die Evangelische Landeskirche Württemberg den schwäbischen Kirchenmann.

Noch einmal die Predigt

Anlass war die Ehrung von Jans in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. 2018 war ihm dort der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen worden. Mit Zitaten Julius von Jans und von Zeitzeugen nahmen Marius Schünke und Bernd Löffler vom Vorbereitungsteam die Besucher der Gedenkfeier in der St. Martinskirche mit hinein in die Geschichte.

Eindrücklich auch: Auf derselben Kanzel, auf der Julius von Jan 1938 seine aufrüttelnden Worte gesprochen hatte, hielt Marius Schünke noch einmal die aufsehenerregende Bußtagspredigt. Stimmig umrahmt wurde die Feier mit lokalen Klängen von Gudrun Walther und Jürgen Treyz sowie mit Klezmer-Musik von Gerold Schwarz und Volker Schumann.

Einen Schlussstrich können wir nicht ziehen

Angesichts des Angriffs auf die Synagoge in Halle an der Saale vor wenigen Tagen wies der Oberlenninger Pfarrer Dirk Schmidt auf die Aktualität der Predigt von Jans hin: „Als wir zu der Feier eingeladen haben, hatte niemand von uns diese niederträchtige Tat vor Augen.“ Unter diesen Vorzeichen habe das Zusammenkommen das Gedenken längst verlassen. „Durch unsere Gemeinschaft als Menschen jüdischen und christlichen Glaubens stellen wir uns jeglicher Form des Antisemitismus entgegen“, so Schmidt. Juden-Feindlichkeit sei nicht Geschichte. „Einen Schlussstrich können wir nicht ziehen“, sagte der Pfarrer.

Bischof July fragt “Was wäre, wenn?”

Mit ihrer Anwesenheit setzten die Gäste ein Zeichen: „Wir treten damit all denen in den Weg, die Juden angreifen“, betonte Schmidt. Nachdenkliche und ebenfalls mahnende Worte schlug Landesbischof Dr. Frank Otfried July an. Hätte Julius von Jan sich entschieden, lieber doch zu schweigen, hätte im Dritten Reich eine wichtige Stimme in der Evangelischen Kirche gefehlt. Wiederholt stellte July die Frage: „Was wäre, wenn?“ Wenn Julius von Jan nicht nur in Oberlenningen gehört worden wäre, wenn er nicht alleine gewesen wäre, wenn mehr Leute aufgestanden wären? Geschichte sei nie festgeschrieben. „Was wäre, wenn?“, ist gemäß dem Landesbischof auch eine Gegenwarts- und Zukunftsfrage sowie eine Frage der Hoffnung. Er sieht darin das Angebot einer Neuausrichtung, eine Aufforderung, zu Menschen zu stehen, die Opfer von Gewalt werden und einen regelmäßigen Austausch mit jüdischen Gemeinden zu pflegen. Der Landesbischof rief dazu auf, nicht beim „Was wäre, wenn?“ zu bleiben, sondern aufzustehen und Gesicht zu zeigen.

In Verbundenheit mit der israelitischen Religionsgemeinschaft

Susanne Jakubowski, Vorstandsmitglied der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, erklärte, Julius von Jans Denken und Handeln sei vorbildhaft. Seine Worte hätten nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Die Saat des Hasses sei inzwischen wieder ausgesät worden. „Wir alle müssen verhindern, dass sie wieder aufgeht.“ Dass die Landessynode der Evangelischen Kirche Württemberg vergangene Woche eine Synagoge besucht hatte, sei ein Zeichen der Solidarität. „Solche Zeichen werden von uns gesehen und geschätzt.“

Dr. Richard von Jan gerührt

Dr. Richard von Jan, Julius von Jans Sohn, zeigte sich gerührt von der Intensität, mit der in Oberlenningen das Andenken an seinen Vater gepflegt wird. Die Ehrung in Yad Vashem wertete er auch als Anerkennung für die Anstrengungen in der Gemeinde. Richard von Jan kündigte an, die Ehrenurkunde und die Medaille an die Kirchengemeinde zu übergeben. „Sie gehören hierher in die St. Martinskirche.“